Zuletzt aktualisiert am 28. Juni 2026
165 km alleine wandern, mitten in Corona. Mich plagten gefรผhlt 1000 รngste โ und trotzdem bin ich losgegangen. Was mich dazu gebracht hat, was auf dem Weg passiert ist und was ich dabei รผber mich gelernt habe, erzรคhle ich dir hier. Dieser Artikel ist mein eigener Beitrag zu meiner Blogparade โAllein losgegangen: Was mir Angst gemacht hat โ und was stรคrker war!โ.
Der Sommer, in dem ich gelernt habe, mir selbst zu vertrauen
Es war als Gemeinschaftsprojekt geplant โ wie jedes Jahr.
Meine Wandergruppe und ich hatten uns fรผr 2020 den RheinBurgenWeg vorgenommen. Ein Fernwanderweg, jeden Monat eine Etappe, damit wir am Ende des Jahres sagen konnten: Wir sind den ganzen Weg gegangen. Im Januar und Februar wanderten wir die ersten beiden Etappen. Alles verlief nach Plan.
Im Mรคrz kam Corona und damit der erste Lockdown.
Nachdem die dritte Etappe ins Wasser gefallen war, war klar: das Jahresprojekt mit der Gruppe wรผrde so nicht stattfinden.
Meine Entscheidung: 165 km RheinBurgenWeg โ alleine
Der Sommer kam, Hotels durften gerade wieder unter Auflagen รถffnen โ und ich beschloss: Ich wandere die restlichen elf Etappen alleine. Alle auf einmal. 165 km. Meine erste mehrtรคgige Wanderung war die Alpenรผberquerung im Vorjahr gewesen โ aber die hatte ich nicht solo gemacht. Nun sollte das erste Mal ohne Begleitung folgen. Ich war frรผher oft alleine wandern, dann eine sehr lange Zeit รผberwiegend in Gruppen. Doppelt komisch, das Gefรผhl.
Alleine wandern: Die รngste kamen nicht einzeln. Sie kamen alle auf einmal.
Mich plagten gefรผhlt 1000 รngste.
Schaffe ich das kรถrperlich? So viele Kilometer am Stรผck, mit einem schweren Rucksack โ und der RheinBurgenWeg hat Abschnitte, die felsig und technisch anspruchsvoll sind. Was, wenn der Weg stellenweise zu schwer fรผr mich ist? Was ist, wenn mir unterwegs etwas passiert, alleine in einer Gegend, die ich รผberhaupt nicht kenne? Alleine wandern heiรt eben auch: Auf sich selbst gestellt sein.
Und dann war da noch eine Angst, die mich ehrlich gesagt jeden Tag begleitet hat: die Angst um meine Hotelreservierungen. Es wรคre fรผr mich โ ich glaube auch noch heute โ unvorstellbar, auf eine mehrtรคgige Wanderung zu gehen und nicht zu wissen, ob bzw. wo ich abends ein Bett und eine Dusche habe. In diesem Sommer 2020, wo Hotels gerade erst wieder รถffnen durften, saร diese Sorge besonders tief. Und ich war jeden Tag froh, wenn ich im Hotel eingecheckt hatte und (natรผrlich) alles passte.
Stรคrker als die Angst: Dieses eine Gefรผhl
Was stรคrker war als alle รngste zusammen? Die Vorfreude auf den Weg, die neue Umgebung und einfach das Abenteuer, einen Fernwanderweg alleine zu gehen. Und irgendwie wusste ich von Anfang an, dass es toll werden wรผrde โ trotz aller รngste.
Also packte ich meinen Rucksack und stieg in den Zug.
Als ich in Bad Breisig ankam โ grauer Himmel, Gewitter angesagt, 8 kg auf dem Rรผcken โ gab es keinen Grund mehr zu zรถgern. Also ging ich los. Nach den ersten Kilometern dachte ich: Wie habe ich es im vergangenen Jahr mit noch mehr Gewicht รผber die Alpen geschafft?
Den ganzen ersten Tag war ich alleine auf dem Weg, kein Mensch weit und breit, nur Rehe im Unterholz und irgendwo aus dem Wald ein Gerรคusch, das ich keinem Tier zuordnen konnte. Am Abend saร ich in einem Biergarten in Andernach und beobachtete frisch geschlรผpfte Schwanenbabys โ und dachte: Das war gut. Ich war hier genau richtig.
Einmal hatte ich wirklich Angst โ und dann passierte etwas Erstaunliches
Aber es gab auch einen Moment, in dem die Angst sehr real wurde: In einem ausgetrockneten Flussbett vor Trechtingshausen โ links und rechts Hรคnge, kein Ausweichen mรถglich โ kamen plรถtzlich zwei scheinbar herrenlose Hunde aus einem Hang gerannt. Der Groรe stellte sich bellend hinter mich, der Kleine bellend vor mich. Ich war eingekesselt.
Nach ein paar Sekunden erinnerte ich mich daran, wie man sich gegenรผber Wildtieren verhalten soll, wenn sie sich nicht zurรผckziehen. Also ignorierte ich den groรen Hund, machte mich groร, sprach den Kleinen laut an, klatschte in die Hรคnde und ging einfach auf ihn zu. Er wich aus. Nun waren zwar beide hinter mir โ aber ich drehte mich nicht um, ging so ruhig wie mรถglich weiter und ignorierte sie einfach. Nach ein paar Metern blieben sie stehen und folgten mir nicht weiter.
Trotz der Angst wusste ich instinktiv, was zu tun war. Ich hatte mir selbst vertraut. Und genau das sollte sich noch einmal bewahrheiten.
Warum die schwerste Etappe meine Liebste wurde
Die Etappe, die ich vorher am meisten gefรผrchtet hatte, war die neunte, von Bad Salzig nach St. Goar. Felsige Pfade, Seilversicherungen, รผber 700 Hรถhenmeter โ genau das, was mir vor der Tour Angst gemacht hatte. Sie wurde meine Lieblingsetappe des gesamten Weges. Manchmal ist es eben genau das, wovor man sich fรผrchtet, das einen am meisten begeistert.
Was ich auf den letzten Kilometern nach Bingen gedacht habe
Am letzten Tag einer Fernwanderung geschehen mehrere, vรถllig unterschiedliche Dinge gleichzeitig.
Ich ging morgens los mit dem Wissen: In ein paar Stunden beendest du diesen Weg, steigst in den Zug und fรคhrst nach Hause. Da war Wehmut. Gleichzeitig war der Weg anstrengend gewesen โ und da war auch ein bisschen Erleichterung.
Und dann schaute ich zurรผck auf die vergangenen Tage, auf die vielen Dinge, die ich gesehen und erlebt hatte. Dazu kam Stolz โ darauf, diesen Weg gegangen zu sein und ihn geschafft zu haben. Und Dankbarkeit dafรผr, dass ich die Mรถglichkeit habe, so etwas zu machen.
Und ich stellte fest: Keine der รngste, die ich vor dieser Tour hatte, war berechtigt gewesen. Keine einzige. Was genau meine ich damit?
- Die Angst, es kรถrperlich nicht zu schaffen? Legte sich in den ersten zwei, drei Tagen einfach.
- Der schwere Rucksack? An den gewรถhnte ich mich ziemlich schnell wieder.
- Was, wenn der Weg stellenweise zu schwer fรผr mich ist? Das war er zum Glรผck nicht. Ich konnte alles bewรคltigen.
- Was, wenn mir unterwegs etwas passiert? Es wusste zumindest immer jemand, auf welcher Etappe ich gerade unterwegs war.
Ich glaube, wir haben gelernt, immer zuerst das โWieโ zu klรคren, bevor wir entscheiden, โobโ wir etwas รผberhaupt machen. Und damit schneiden wir uns von vielen Dingen ab. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Entscheide zuerst, ob du es machen willst. Dann geh die ersten Schritte. Den Rest musst du zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.
Der Weg zeigt sich beim Gehen.
Und das war vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser 165 km: Ich kann mir selbst vertrauen.
Jetzt bist du dran: Erzรคhl mir deine Geschichte
Gibt es eine Situation in deinem Leben, in der du trotz Angst alleine losgegangen bist? Ich freue mich รผber deinen Beitrag zu meiner Blogparade โ alle Informationen findest du hier.




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