Trentino-Südtirol

Wolken, Gämsen und ein Berg hinter dem Berg: Monte Altissimo di Nago (2.078 m) wandern

Blick vom Gipfelplateau des Monte Altissimo di Nago auf den nördlichen Gardasee mit Torbole und Riva del Garda, Monte Altissimo wandern

Zuletzt aktualisiert am 16. Juni 2026

Ich dachte, ich kenne den Berg vor meiner Terrasse. Dachte ich. Beim Aufstieg zum Monte Altissimo di Nago am Monte Baldo merkte ich: Was ich von unten sehe, ist gar nicht der höchste Gipfel – es ist der Vorhang davor. Der echte Altissimo versteckt sich dahinter, 300 Meter höher. Wie so manches im Leben, das wir für wahr halten – und das sich doch hinter dem Offensichtlichen versteckt. Lies selbst.


Die Fakten: Wanderung zum Monte Altissimo di Nago (2078 m)

🎯 Start/Ziel: Bocca del Creer (1.615 m), Rifugio Graziani – erreichbar über Mori, Brentonico, SP3
🅿️ Parken: beim Rifugio Graziani (begrenzt, kostenlos)
🎒 Länge: 8 km
⏱️ Dauer: ca. 3,5 Stunden (Gehzeit)
⚖️ Schwierigkeit: Mittel – steinige, teils verwurzelte Pfade; Trittsicherheit nötig
🏔️ Höhenmeter bergauf: 465
🏔️ Höhenmeter bergab: 465
🍽️ Einkehrmöglichkeiten: Rifugio Damiano Chiesa (Gipfel, ca. 2.059 m) · Rifugio Graziani (Start/Ziel)
🎉 Highlights: Gipfelpanorama auf den Gardasee, Militärstraße aus dem 1. WK, Gipfelkapelle, Gämsen-Begegnung, Monte Baldo als Hortus Europae
👞 Beste Wanderzeit: Juni bis September – kaum Schatten im oberen Teil, bei Hitze früh starten

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Monte Altissimo di Nago: Anreise & Start an der Bocca del Creer

Der Name hat mich schon beim Eintippen ins Navi erwischt: Bocca del Creer. Der Mund des Glaubens, oder – wenn man „credere“ wörtlicher nimmt – das Tor des Vertrauens. Ich bin kein Mensch, der überall spirituelle Zeichen sieht. Aber manchmal setzt das Leben Worte, die einfach sitzen.

Die Bocca del Creer liegt auf 1.615 Metern und ist der höchste Punkt der Strada Panoramica del Monte Baldo (SP3). Wir fahren über das hübsche Brentonico hinauf – eine Passstraße, die sich in Kurven durch Wald und Weide schlängelt und kurz vor dem Ziel plötzlich diesen Blick auf ein großes, grünes, weites Plateau freigibt. Direkt am Sattel parken wir am Straßenrand beim Rifugio Graziani. Die Plätze sind begrenzt – wer früh kommt, hat es leichter.

Die Schilder zeigen eindeutig Richtung „Damiano Chiesa“ – wir folgen dem SAT-Weg 633, der hier beginnt.

Startpunkt Bocca del Creer mit Rifugio Graziani, Monte Altissimo Wanderung
Startpunkt Bocca del Creer mit Rifugio Graziani im Hintergrund

Der Aufstieg zum Monte Altissimo di Nago

Ich empfehle ausdrücklich, die Runde gegen den Uhrzeigersinn zu gehen – also zuerst den anspruchsvolleren, schmaleren Aufstiegspfad, dann den breiteren Rückweg mit Gardasee-Blick.

Der Weg beginnt breit und entspannt – fast harmlos. Auf diesem breiten Abschnitt passiert etwas, das ich nicht erwartet hatte: Wir entdecken den Berg mit dem markanten Gipfelkreuz, der direkt vor unserer Terrasse aufragt. Den kennen wir – oder glauben es zumindest.

Doch von hier oben sehen wir es zum ersten Mal klar: Das ist der Monte Campo. Der Altissimo liegt dahinter, versteckt hinter seinem Nachbarn. Von unserer Home-Base aus war er schlicht nicht zu sehen. Der Berg hinter dem Berg.

Dann zweigt der Weg auf einen schmalen, verwurzelten Pfad ab, und das Gelände wird steiler. Kalkstein und Dolomit wechseln sich ab, der Untergrund ist hart und steinig. Stöcke sind hier wirklich hilfreich, gute Wanderschuhe ohnehin Pflicht.

Nach dem langen, felsigen Anstieg öffnet sich der Weg plötzlich: ein kleines Hochplateau, das zum Durchschnaufen einlädt. Und zum Schauen. Zum ersten Mal sieht man von hier die Hütte am Gipfel – und sofort auch, was noch kommt.

Der nächste Anstieg erhebt sich direkt vor uns, steil und unmissverständlich. Wer mag, nimmt die kurzen Serpentinen; wer lieber geradeaus denkt, quert einfach die Wiesenfläche. Ab hier gibt es keinen Schatten mehr. Das sollte man wissen.

Der Wiesenpfad endet auf einem zweiten, kleineren Plateau. Von dort trägt ein schmaler, steiniger Pfad auf einem langgezogenen Stück weiter – bis das Gipfelplateau sich öffnet.

Den Aufstieg beginnen wir bei gutem Wetter – doch je höher wir kommen, desto mehr schluckt der Nebel den Gipfel. Eine kurze Enttäuschung, die sich bis kurz vor die Hütte hält. Dann, kurz bevor wir das Rifugio Damiano Chiesa erreichen, lichtet er sich. Als hätte jemand einen Vorhang weggezogen.

Mein Lieblingsmoment

Fast oben. Ich drehe mich um – und da steht eine Gämse auf dem Pfad hinter mir. Einfach so. Sie folgt uns den Berg hinauf. Als sie merkt, dass ich sie bemerkt habe, macht sie kehrt und hüpft bergab. So schnell, so leicht. Ich stehe da, Atem noch keuchend, und muss lachen. Manchmal schickt der Berg genau das, was man braucht.

Gipfelkapelle, Aussicht & das kleine Gipfelkreuz: Oben auf dem Monte Altissimo di Nago

Das Gipfelplateau des Monte Altissimo di Nago ist ein eigener kleiner Kosmos: Die Ruinen der Kasernen aus dem Ersten Weltkrieg, Schützengräben, Steinwälle – manches ist gesichert, über Löcher wurden Zäune gesetzt. Und mittendrin: eine kleine Kapelle. Still, unscheinbar, schön.

Direkt daneben das Gipfelkreuz. Es ist klein – und das überrascht zunächst. Für einen 2.078-Meter-Gipfel, der den gesamten nördlichen Gardasee dominiert, hatte ich mehr erwartet. Aber vielleicht ist das auch eine Art Botschaft – nicht alles, was groß ist, muss sich groß aufführen.

Vom Gipfel aus öffnet sich ein 360-Grad-Panorama, das einfach sprachlos macht: Der Gardasee von Torbole im Norden bis Sirmione im Süden, die Brenta-Dolomiten im Westen, der Adamello mit seinem Gletscher im Nordwesten. Wir sehen das Etschtal, die Monti Lessini, den Monte Stivo. Der Gipfel gibt, was jede Meta-Perspektive verspricht: den Überblick, der unten fehlt.

Blick vom Gipfel des Monte Altissimo ins Etschtal mit Rovereto und umliegenden Bergen
Das Etschtal, die Monti Lessini, der Monte Stivo – alles auf einmal.
Blick vom Gipfelplateau des Monte Altissimo di Nago auf den nördlichen Gardasee mit Torbole und Riva del Garda, Monte Altissimo wandern
Der Gardasee von oben – von hier aus sieht man, wie groß er wirklich ist.
Wanderin auf dem Gipfel des Monte Altissimo di Nago mit dem Gardasee im Hintergrund
Oben ankommen. Gardasee im Rücken. Besser geht’s kaum.
Weitblick vom Rifugio Damiano Chiesa
Weite Aussichten vom Rifugio Damiano Chiesa am Monte Altissimo

Einkehr im Rifugio Damiano Chiesa – Knödel auf 2.059 Metern

Das Rifugio Damiano Chiesa liegt wenige Gehminuten unterhalb des Gipfels auf 2.059 Metern – und es lohnt sich. Die Hütte gehört zum SAT (Società degli Alpinisti Tridentini), wurde Ende des 19. Jahrhunderts erbaut und 1919 nach Damiano Chiesa umbenannt, einem Offizier aus Rovereto, der 1916 als Landesverräter hingerichtet wurde.

Wir essen Knödel mit Rindergulasch – und ich sage das nicht leichtfertig: Das war zum Niederknien gut. Hausgemacht, herzlich, warm. Knödel, Polenta und vieles mehr wird am Holzofen im Kupfertopf gekocht. Wer Lust hat, lässt sich die Hausspezialität kommen: Knödel mit Butter und Salbei, Polenta mit Rindergulasch und Bergkäse. Bezahlt wird nur bar – Karte wird nicht akzeptiert. Reservierung am Wochenende empfohlen.

Hausspezialität Knödel mit Rindsgulasch im Rifugio Damiano Chiesa
Eine der Hausspezialitäten im Rifugio: Knödel mit Rindsgulasch

Übernachten im Rifugio Damiano Chiesa

Wer nicht nur auf den Gipfel will, sondern auch dort oben schlafen möchte: Das Rifugio Damiano Chiesa bietet 36 bis 46 Schlafplätze in sechs Mehrbettzimmern – und ja, es ist buchbar. Für die kalte Jahreszeit oder Notfälle gibt es zusätzlich ein unbewirtschaftetes Winterlager mit zehn Betten.

Klassisches Schutzhaus heißt hier: uriges Flair statt Komfort. Heizung und Duschen sucht man in den Schlafräumen vergebens, ein eigener Hüttenschlafsack ist Pflicht. Dafür gibt es Halbpension mit landestypischem Abendessen und Frühstück – und wer bucht, erhält automatisch die Trentino Guest Card, mit der du unter anderem regionale öffentliche Verkehrsmittel kostenlos nutzt.

Geöffnet ist die Hütte von Mitte Mai bis Mitte Oktober täglich. Buchen kannst du telefonisch (+39 0464 867130) oder über das CAI-Buchungsportal des italienischen Alpenvereins. Und ein Tipp: früh reservieren. Die Plätze auf dem Monte Altissimo sind begehrt.

Rifugio Damiano Chiesa unterhalb des Gipfels, Monte Altissimo
Rifugio Damiano Chiesa unterhalb des Gipfels, gemütliche Berghütte
Aussicht vom Rifugio Damiano Chiesa auf den Monte Baldo, der von den Wolken verschluckt wird
Die Wolken verschlucken den nebenan liegenden Monte Baldo

Der Abstieg: Gardasee-Blicke auf der alten Militärstraße

Der Rückweg führt über die alte Militärstraße aus dem Ersten Weltkrieg – breit, gut zu gehen, mit weiten Blicken auf den Gardasee. Was auf dem Aufstieg nicht zu spüren war, zeigt sich hier: Dieser Weg hat Geschichte. Soldaten sind ihn hinaufmarschiert, in einer Zeit, die heute kaum vorstellbar ist. Dass ich ihn bergab gehe, in Wanderschuhen, mit Knödeln im Bauch – das fühlt sich wie ein Privileg an.

Der Gardasee verschwimmt mit dem Horizont am Monte Altissimo
Der Gardasee verschwimmt mit dem Horizont
Gardasee-Blick auf dem Rückweg über den breiten Weg, Monte Altissimo
Gardasee-Panorama auf dem Rückweg

Hier versteht man auch, warum der Monte Baldo seit dem 16. Jahrhundert als Hortus Europae, als Garten Europas, gilt: Über 1.600 Pflanzenarten wachsen hier, darunter weltweit einzigartige. Der Berg überragte während der Eiszeit die Gletscherdecke – und wurde so zum Refugium für Pflanzen, die anderswo ausgelöscht wurden. Ich laufe bergab und denke: Manchmal braucht es eben genau das. Den Rand, der aus dem Eis ragt.

Die Bocca del Creer taucht irgendwann wieder auf, das Auto steht noch da. Alles ist, wie es war – und irgendwie doch nicht.

Blick vom Abstieg auf die Bocca del Creer mit Rifugio Graziani und den Serpentinen der ehemaligen Militärstraße und der Strada Panoramica del Monte Baldo
Die Bocca del Creer – und das Rifugio Graziani, genauso wie wir es verlassen haben.

Mein Coaching-Impuls

Was ich daraus mitnehme: Der Monte Altissimo war von unserer Terrasse aus gar nicht zu sehen. Der Berg davor hat ihn verdeckt. Ich habe wochenlang auf ein Ziel geschaut – und es war gar nicht das Ziel. Es war nur die Kulisse. Vielleicht kennst du das auch. Ein Gefühl, dass du an etwas arbeitest, kämpfst, festhältst – und irgendwann merkst du: Das war gar nicht das eigentliche Thema. Das eigentliche lag dahinter. Höher. Nicht sichtbar von unten. Der Gipfel zeigt sich erst, wenn du losgehst.

Lohnt sich die Wanderung zum Monte Altissimo di Nago?

Ja. Ohne wenn und aber. Der Monte Altissimo di Nago ist kein Berg für einen entspannten Sonntagsspaziergang – aber er belohnt jeden Schritt. Das Panorama ist beeindruckend, die Hütte herzlich, und der Weg hat Charakter. Wer fit ist und Freude an etwas anspruchsvolleren Pfaden hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Für Familien mit kleinen Kindern wäre ich eher vorsichtig – die steinigen, teils steilen Abschnitte fordern Trittsicherheit.

Wenn du eine ähnliche Tour in der Region suchst, schau gern mal beim → Rifugio Malga Campei vorbei.

Wandere achtsam – auf dem Weg und auf deiner inneren Reise.
Bis zur nächsten Tour, deine Bina ❤️


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