Zuletzt aktualisiert am 13. Juni 2026
Ich bin ausgebildete Coach und weiß, dass tägliches Journaling die Stimmung messbar verändert – ich habe es selbst erlebt. Trotzdem halte ich dieses Wissen oft für mich. Der Grund ist unbequem: Ich mache es selbst nicht regelmäßig. Heute rede ich darüber, was das über Perfektion, Authentizität – und uns alle – sagt.
Was ist Journaling – und warum fällt es so vielen schwer, dranzubleiben?
Eines der ersten Dinge, die wir in meiner Coach-Ausbildung gelernt haben, war das abendliche Journal. Sieben Fragen, 10 Minuten, jeden Abend. Der Fokus liegt bewusst auf dem Positiven: Was habe ich heute gelernt? Was hat heute gut funktioniert? Wofür bin ich dankbar?
Ich habe selbst erlebt, was es macht: Man geht abends mit einem anderen Kopf ins Bett. Nach ein paar Wochen werden die Gedanken insgesamt positiver – nicht weil das Leben plötzlich leichter wird, sondern weil man anfängt, anders hinzuschauen.
Warum tun es dann so wenige – oder so selten? Weil Journaling eines der Dinge ist, bei denen nichts passiert, wenn man es weglässt. Kein Alarm, kein sichtbares Ergebnis, kein sofortiger Schmerz. Es ist nicht dringend – und das Gehirn priorisiert dringend. Der Alltag gewinnt fast immer gegen das, was wichtig, aber nicht eilig ist.
Dazu kommt: Viele fangen mit einem hohen Anspruch an. Jeden Abend. Sieben Fragen. Niemals auslassen. Beim ersten ausgelassenen Tag fühlt sich alles verloren an. Das Buch wandert in die Schublade – und die Schublade bleibt zu.
Ich kenne das gut.
Ich habe drei Journale. Eines davon ist nach zwei Jahren fast vollgeschrieben. Das zweite habe ich gerade erst ausgepackt. Pro Journal hat man Material für drei Monate – das sagt alles. Und genau das ist die Frage, die mich seitdem beschäftigt:
Darf ein Coach etwas empfehlen, das sie selbst nicht regelmäßig macht?
Ich glaube, dahinter steckt ein Anspruch an mich selbst, den viele kennen: Ich möchte nur weitergeben, was ich selbst wirklich lebe. Etwas anderes würde sich nicht authentisch anfühlen. Und ich kann von anderen nichts erwarten, was ich selbst nicht tue oder vorlebe.
Ich halte Rat zurück, der anderen helfen würde, weil ich selbst noch nicht perfekt darin bin. Und das ist nicht authentisch.
„Ich dachte, ich schütze damit meine Glaubwürdigkeit. Aber in Wirklichkeit schütze ich mein Bild von mir selbst. Das ist kein Authentizitätsanspruch – das ist Perfektionismus. “
Sabine Schönberg
Bei mir persönlich ist die Wahrheit dahinter nicht besonders glamourös: Weil ich abends oft einfach keine Energie mehr habe. Weil der Tag lang war. Weil ich das Journal vergesse, wenn ich es nicht direkt sehe. Weil der Alltag gewinnt – obwohl ich genau weiß, was das Tool bewirkt.
Am Anfang meiner Ausbildung habe ich das Journal enthusiastisch und regelmäßig geführt. Und ich erinnere mich noch genau, was passiert ist: Nach kurzer Zeit – wirklich nur wenigen Wochen – hat sich etwas in meiner allgemeinen Stimmung verändert. Der Fokus lag auf mir und ich nahm wahr, was ich jeden Tag tat, lernte, leistete, erschuf. Momente, die ohne Journal einfach verdunstet wären – unbemerkt und ungewürdigt.
Dann wurde der Alltag wieder lauter. Die Ausbildung intensiver. Das Journal rutschte nach hinten – und mit ihm die Gewohnheit. Was mich das gelehrt hat: Auch wer die Theorie kennt, setzt sie nicht automatisch um. Das macht das Wissen nicht wertlos. Es macht uns menschlich.
Beziehungen, Freundschaften, Job – manchmal fühlt es sich an, als würde immer derselbe Film laufen, nur mit anderen Figuren. Was das mit deiner Kindheit zu tun hat und wie du anfängst, es zu sehen und aufzulösen:
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Meine Learnings aus dem Journaling – auch wenn du (noch) kein Journal führst
Drei Dinge, die ich daraus mitgenommen habe – vielleicht hilft dir das eine oder andere auch:
- Wissen und Tun sind zwei verschiedene Dinge. Das gilt für mich als Coach genauso wie für jeden Menschen, der sich weiterentwickeln möchte. Kein Mensch lebt jedes Tool, das er kennt, perfekt. Das ist keine Schwäche – das ist normal.
- Perfekt sein ist keine Voraussetzung fürs Anfangen. Ich halte Dinge zurück, weil ich sie selbst nicht perfekt umsetze. Aber vielleicht ist genau das die Erlaubnis, die du brauchst (und ich auch): Du musst nicht perfekt sein, um mit etwas Gutem anzufangen. Auch nicht mit dem Journal.
- Das Gehirn braucht Wiederholung, nicht Perfektion. Ein Großteil unserer inneren Prägungen entsteht vor dem siebten Lebensjahr – und ich habe das am eigenen Leib erlebt: Als ich ein paar Wochen regelmäßig geschrieben habe, wurde es spürbar leichter. Der Fokus auf das Positive kam nicht mehr erzwungen, er kam von selbst. Diese Muster lassen sich nicht durch einmaliges Nachdenken auflösen – sondern durch wiederholte, bewusste neue Erfahrungen. Das Journal ist genau das: tägliche Übung für das Gehirn, Positives wahrzunehmen.
Dieses Geständnis war unbequem, aber es hat sich gelohnt, weil…
…ich glaube, dass Ehrlichkeit mehr verbindet als Perfektion. Schon das Hinschauen, das ehrliche Bewusstmachen der eigenen Situation, verändert etwas – auch wenn sich äußerlich noch nichts geändert hat.
Das Journal liegt übrigens wieder auf meinem Schreibtisch. Diesmal nicht mit dem Anspruch auf Perfektion, sondern einfach: dranbleiben, so gut es geht.
Und ich frage mich: Wo hältst du gerade etwas zurück – bei dir selbst, oder gegenüber anderen?
PS: Manchmal ist der erste und einfachste Schritt zurück zu sich selbst ein Schritt nach draußen – zum Beispiel beim Waldbaden.

Warum passiert mir immer dasselbe?
Wenn du das Gefühl kennst, dass sich eine Geschichte in deinem Leben einfach wiederholt – egal wie viel du an dir arbeitest – dann ist dieses PDF für dich. Fünf Fragen, die zeigen, was wirklich dahintersteckt.




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